Abiturrede Westfalenkolleg Dortmund Sommer 2011

Es war mehr oder weniger Zufall, dass es schlussendlich einem viel zu schmutzigen Finken zukam, die Abirede zu halten. Tja selber schuld. Kam an.

 

Sei froh, dass du hier sein darfst. Die Kinder in Afrika, würden sich freuen, wenn sie zur Schule gehen könnten.” Wie sehr hat sich dieser vielzitierte Satz doch in mein Gehirn eingebrannt. Würden die Kinder in Afrika sich nicht viel mehr freuen, wenn wir ihren Eltern unsere Märkte öffneten, damit es sich wieder rentiert, Nahrungsmittel zu produzieren? Wenn es in der Schulkantine Fairtrade Produkte gäbe? Wenn wir bei unseren billigen Urlauben an ihren schönen Stränden nicht all-inclusive buchen, sondern sie für Essen und Führungen bezahlen würden? Sind nicht eigentlich alle Menschen in diesem Land schuldiger am Unglück der afrikanischen Kinder als wir Schüler?

Verdammt, woher diese Gedanken? Haben vierzehn Jahre der systematischen Gehirnwäsche nicht ausgereicht um meine arme geschändete Seele von derart unglücklich machenden Gedanken zu befreien? Hat mein gütiger Vater Staat etwa versagt, bei dem Versuch mich sorgenfrei aufwachsen zu lassen? Nein! Ich habe mein Abitur. Ich habe die Maschinerie durchlaufen, bin von einem der unbedeutenden Zahnrädchen in ihrem Inneren zu einer der superintuitiven und schönen Bedieneroberflächen geworden, mit denen der Hersteller sich brüstet. Ich wurde angepasst und nun halte ich das Zertifikat meiner erfolgreichen Assimilierung in den Händen. Die Welt steht mir offen, weil die Welt weiß, dass ich folge. Ohne nachzudenken führe ich Befehle aus. Mein Leben lang habe ich das Tag für Tag exerziert. Aufgabe – erfüllen, Fragen? Nicht so gut. Aufgabe – erfüllen, Anzweifeln? Schlecht. Aufgabe – erfüllen, konstruktive Kritik? Sehr schlecht! Aufgabe – erfüllen. Die Augen immer auf den Erwartungshorizont gerichtet, nicht interessiert daran, was sich dahinter befinden mag.

Die Scheuklappen, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, früher hasste ich sie, heute habe ich erkannt welch großes Geschenk sie darstellen, schützen sie doch das Allgemeingut, welches meine geistige Stärke zum Glück ist, davor nach links oder rechts vom Wege abzuschweifen, hindern mich nicht.
Ich sehe keine Wiesen, Weiden, Flüsse, Berge, Felsen oder Seen. Ich sehe den Beton eines Tunnels und ich sehe regelmäßig die Lichter, die sie aufhängten, um mir soviel zu zeigen, wie sie für nötig halten, um meine Sicherheit zu gewährleisten. Ich folge. Sie haben mich gut gelehrt. Lehrer diktierten mir, was ihnen diktiert wurde von den Diktatoren in Arnsberg. Ich höre und handele. Ohr – Nervensystem – Aktion.
Der nächste Schritt im evolutionären Siegeszug des beseelten Affen; das Gehirn wird überflüssig. Schwarmintelligenz ist das neue Zauberwort. Ich bin nicht gefangen. Ich bin frei. Meine Gedanken sind frei.
Der neue Pädagoge predigt nicht, er ermöglicht seinen Werkstücken, die vorgefertigten Antworten frei zu erarbeiten. In Gruppen.

Zwar war ich nur in insgesamt zwei von dreizehn Jahren gezwungen, mich im Englischunterricht der englischen Sprache zu bedienen und dementsprechend sind meine Sprachkenntnisse eher dürftig, dafür habe ich aber allerlei Mindmaps in dynamischen Kleingruppen erarbeitet und aus diesen und den identischen Versionen der anderen dynamischen Kleingruppen, die existenziellen Wahrheiten der Erde erfahren. Die “problems in India” sind zum Beispiel “hunger” oder “less work” Huahaha! Welt, spüre die geballte Faust des aufgeklärten Deutschen! Indien, ich komme und zeige dir die Wahrheit!

Fünfzig Prozent der zehn Jahre, in denen ich Geschichtsunterricht genoss, behandelten nur zwölf, der über tausend Jahre deutscher Geschichte. Zwar weiß ich nicht wirklich mehr über die Entstehung der Gegenwart, dafür aber, dass Nazis böse sind und das die USA uns befreit haben. Und dass sie das ausschließlich getan haben, weil Hitler böse war und Juden vergast hat (zwei Gründe, die völlig ausgereicht hätten) und die freien Völker des Westens bedrohte und natürlich nicht nachweislich erst, als sie fürchten mussten, dass die Kommunisten ihnen den europäischen Markt wegnehmen.

Und ich bin literarisch bestens geschult! In der Nachfolge der großen Dichter und Denker, deren dieses Land sich brüstet, habe ich die größten Dramen gelesen. Im Idealfall wurden sie mir vorgelesen. Von meinen Mitschülern. Dass diese, als man sie hätte lehren sollen, flüssig zu lesen, häufig offensichtlich mit dem Anfertigen von Mindmaps in dynamischen Kleingruppen beschäftigt waren, zeigt mir nur, wie gebildet sie sind und gibt mir ein gutes Gefühl für die Zukunft dieses Landes. All das habe ich analysiert mit meinem freien Geist und mir kreativ und frei das diktierte Resultat erarbeitet.

Natürlich gab es immer auch Störungen; Lehrer, die mir weismachen wollten, dass Dinge, die mir vermittelt werden vielleicht nicht immer der absoluten Wahrheit entsprächen, dass auch Gedanken, die nicht den Erwartungen entsprechen, richtig sein können, dass diese vielleicht sogar richtiger sind als die des Bildungsregimes. Die meisten von ihnen konnte ich als belanglose Systemfehler akzeptieren, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Ärgerlich wurde es nur, wenn sie ihre Behauptungen belegen konnten. Ein Glück, dass die Inquisition aus Arnsberg derartige Probleme recht schnell beheben kann (wobei das Wort “schnell” auch hier immer im geologischen Sinne zu gebrauchen ist). Ein Glück auch, dass sie Lehrern, die zwar kein Talent, geschweige denn, den notwendigen Intellekt besitzen dafür aber eine astreine Gesinnung des Folgens und Führens aufweisen, immer ihre Unterstützung zukommen lassen. Kompetenz wird auch meiner persönlichen Ansicht nach, völlig überbewertet, also nieder mit dem Schwachsinn! Befreiet euch vom repressiven Joch der Vernunft und suhlt euch im paradiesischen Zustand des folgsamen Stumpfsinns! Kinderlachen ist Zukunftsmusik, doch auf dem Weg, den wir gehen wird stumpfes Schweigen die Musik der Zukunft.

Ich bin ein mündiger, gebildeter und freier Bürger. Mit freien Gedanken erschließe ich das System und komme frei zu den Ergebnissen, welche das System mir diktiert, denn das ist es, was ich in nunmehr vierzehn Jahren gelernt habe und der Wisch in meinen Fingern zeigt der Welt, dass ich die Lehre wahrhaft verinnerlichte.

Rede zum Untergang der Welt (20.12.2012)

Liebe Eskimos, liebe Eskimösen, werte Juden und Neger, geehrte Verfassungsschützer,

nun, da die Erde sich ihrem Ende zuneigt und angedenk dessen, dass der Weg zur Vaginalvirtuose ein harter ist an dessen Ende häufig Geschrei steht, scheint es mir von vordringlichster Wichtigkeit zu sein, ein letztes Mal den Standpunkt der breiten Minderheit dem Verständnis meiner herrlich unbedarften Anhängerschaft auszusetzen.
Alles was aufgeht geht unter, alles was lebt stirbt und wer kommt geht auch wieder. Diese Fakten sind unverrückbar ebenso wie die universellen Tatsachen, dass Sprühwurst nicht zipfelklatscht und Zwetschgenbrot nicht nach Zwiebeln schmeckt.
Was bedeutet das nun für uns, für euch meine kopulierfreudigen Gefolgsleute? Wie haben wir, habt ihr mit der drohenden Apokalypse umzugehen? Und bei wem beschweren wir uns, beschwere ich mich wenn der xhamster die Vorschauclips nicht lädt?
Die Welt liefert Gründe in Hülle und Fülle den Kopf zu verlieren aber die Notwendigkeit der oralen Nahrungsmittelzufuhr zur Verlängerung der Lebenserwartung hindert uns nachhaltig daran diesem Bedürfnis Folge zu leisten.
Jetzt, da meine Brüder Pestillenz, Krieg und Hunger ungeduldig mit meinem gesattelten fahlen Pferd auf mich warten und unzählige Seraphim mit ihren Posaunen ihres letzten Konzertes harren, heißt es das Dasein als solches Revue passieren zu lassen. Und was wir sehen lohnt die Betrachtung kaum.
Wenn wir also die Lehren des Narrativs der Geschichtsschreibung hinzuziehen und die Lehre, dass jenes realitätsbildende Element durch die Taten von Narren geschrieben wird, dann können wir die durch die Alten gesammelten Erkenntnisse nutzen. Vielfältig wie Flora und Fauna im Schoß einer osttschechischen Aushilfsprostituierten weisen sie uns den Weg zur Wahrheit dessen, was am 21.12 geschehen wird und wie wir uns vorbereiten können – gar nicht. Nada. Niet. Not. Dann is vorbei. Aus die Maus. Finito. Schluss.
Grund zur Sorge? Nein! Nicht direkt. Denn eine weitere unverrückbare Tatsache ist doch jene, dass ein gut gefülltes Glas oft dazu neigt geleert zu werden und das jemand der sein Glas als halb leer betrachtet, sich seiner Taten und Aufgaben bewusst ist, während jene deren Glas halb voll ist in der Vergangenheit verweilen und die Zukunft leugnen. Jene sind es, die ihre Umwelt beschmieren mit ihren undurchdachten Weisheiten wie es Totenkopfäffchen mit ihrem Kot handhaben. Zu sagen, dass die Welt sich trotz dieser störenden Geschöpfe weiterdreht ist an diesem Tag eine infame Lüge. Dennoch gibt es Hoffnung, Brüder und Schwestern im Geiste. Für jene, die das Gestern schon Scheiße fanden, hat sich das Morgen im Sinne der Gegenwart erledigt.

Mit diesen Worten verabschiede ich mich von euch meine teuren Lakaien und verbleibe in gespannter Vorfreude auf ein Wiedersehen in einer besseren Welt. Nicht.

Euer ergebenster Schmutzfink.